Das „Wunder von Fürstenfeldbruck“

Mit freundlicher Genehmigung von Günter Woltmann-Zeitler stellen wir seinen Artikel über das „Wunder von Fürstenfeldbruck“ hier zur Diskussion. Der im Artikel beschriebene „Bruck-Taler“ zeigt sowohl viele Gemeinsamkeiten mit unserem Rheingold als auch die praktischen Probleme, die bei seiner Einführung auftreten können.

Das „Wunder von Fürstenfeldbruck“
von Günter Woltmann-Zeitler
(Artikel als PDF)

Bericht über eine fiktive Bürgerinitiative zur Ankurbelung der Wirtschaftskonjunktur, der Bekämpfung der Erwerbslosigkeit und der Vergrößerung der Steuereinnahmen – innerhalb eines Landkreises mit rund 100.000 Einwohnern

I.
Am 7. Januar 2011 hatte der Landrat des oberbayerischen Landkreises Fürstenfeldbruck, rund 100.000 Einwohner, seinen Kreistag und die Bürgermeister der Gemeinden des Kreises zu einem Gespräch ins Landratsamt eingeladen. Es sollte darüber nachgedacht werden, ob und wie eventuell die Wirtschaftskonjunktur im Landkreis, also der Umsatz der dort aktiven Unternehmen, bestmöglich angekurbelt, der regionale Arbeitsmarkt belebt und die Steuereinnahmen, alles durch Aktivitäten innerhalb des Landkreises, erhöht werden könnten.

II.
1) Ein Teilnehmer der Runde, ein Kreisrat, schlug vor: Wir lassen rund 10 Millionen Geldscheine zum Nennwert 1 drucken, die wir vielleicht „Bruck-Taler“ nennen. Also 10 Millionen „Bruck-Taler“. Um Druckkosten zu sparen, könnten auch 5 Millionen Scheine zum Nennwert 2 oder 2 Millionen zum Nennwert 5 erstellt werden.

2) An dieser Stelle kam ein Einwand, den die Runde schließlich akzeptierte: Es sei besser, nicht explizit an „Taler“, überhaupt nicht an die Herstellung von „Geld“ zu denken, sondern ausdrücklich an die von Gutscheinen. Die Gutscheine sollten so einfach wie eben nur Gutscheine aussehen, vielleicht nur mit dem Aufdruck „Gutschein von Bürgern und für Bürger des Landkreises Fürstenfeldbruck.“ – Die Ausgabe von Geld ist neben der Deutschen Bundesbank, oder jetzt der Europäischen Zentralbank, allen anderen Personen oder Institutionen verboten beziehungsweise könnte gegebenenfalls vielleicht verboten werden.

3) Selbstverständlich müßte auf dem „Gutschein“ dessen Gegenwert angegeben werden und zwar mit „Gegenwert: 1 Euro“ (oder 2 oder 5 Euro). Wir drucken also 10 Millionen Gutscheine (oder 5 Millionen beziehungsweise 2 Millionen) zum Gegenwert von je 1 (oder 2 oder 5) Euro und insgesamt 10 Millionen Euro.

4) Dann, hieß es, starten wir eine gewaltige Kampagne: Wir machen jedem Landkreisbürger einen kleinen Handzettel zugänglich, besser noch: das in Wochenabständen dreimal, damit am Ende wirklich jeder Bürger von der Information auf dem Handzettel nachdrücklich Kenntnis genommen hat. Wir stellen Plakatständer auf, mit der „Information“ der Handzettel, hängen die entsprechenden Plakate in möglichst allen Geschäften aus. Wir schalten alle Vereine, Parteien, Schulen, Kindergärten ein und veranlassen diese, ihre Mitglieder, ihr Publikum über die „Information“ zu informieren, die Information sehr eingehend zu diskutieren. – Selbstverständlich tun wir alles Denkbare, um alle im Landkreis gelesenen Tageszeitungen und Werbewochenblätter zu veranlassen, die „Information“ „unters Volk“ zu bringen. Wir geben der Presse entsprechende Interviews, veranstalten Podiumsdiskussionen und Informationsvorträge. Vielleicht gelingt es uns sogar, den Regionalrundfunk und das Regionalfernsehen auf unsere „Information“ aufmerksam zu machen. Am Ende muß die „Information“ im Raum Fürstenfeldbruck Tagesgespräch, ein „Running gag“ sein.

III.
Die Information lautete:
1) Die „Bürgerinitiative: Gutscheine für Fürstenfeldbruck“ gibt in der Zeit zwischen dem 1. und 30. November 2011 – vielleicht mit Unterstützung durch die örtlichen Einwohnermeldeämter – einmalig an jeden im Landkreis amtlich gemeldeten Bürger 100 oder 50 oder 20 Gutscheine zum Nennwert von je 1, 2 oder 5 Euro, insgesamt pro Kopf Gutscheine zum Nennwert von 100 Euro aus. Die Gutscheine werden verteilt ohne jede Gegenleistung durch die solchermaßen bedachten Bürger. Die Gutscheine müssen also nicht gegen Euro gekauft werden; sie werden – wenn man so will – verschenkt, zur grundsätzlich freien Verfügung. An die Bürgerinitiative zurückgeben kann man die Gutscheine nicht, schon gar nicht etwa gegen offizielle Euro-Währung an die Bürgerinitiative verkaufen.

2) Alle Geschäfte und Betriebe im Landkreis Fürstenfeldbruck werden aufgerufen, nach dem 1. Dezember 2011 soviel Sachgüter oder Dienstleistungen vollständig oder teilweise gegen ihnen von Kunden angebotene Gutscheine zu verkaufen, wie sie mögen. Es wird in diesem Zusammenhang davon ausgegangen, daß sie prinzipiell nur so viel Gutscheine annehmen werden, wie sie auch denkbar wieder weitergeben können. Es wird also keinem Unternehmer zugemutet, mehr Gutscheine in Zahlung zu nehmen, als er auch wahrscheinlich wieder selbst zum Einkaufen verwenden kann. Kein Bäcker muß also 100.000 Gutscheine bei sich ansammeln, wenn er doch nicht für diese große Summe an Gutscheinen – im Landkreis Fürstenfeldbruck – einen neuen Backofen erwerben kann.

3) Allen einkaufenden Bürgern im Landkreis wird empfohlen, von ihren Lieferanten zu fordern, daß diese Gutscheine in Zahlung nehmen, so ihnen solche präsentiert werden – jedenfalls in einem gewissen Maße -, und notfalls eben nur da einzukaufen, wo sie auf die entsprechende Bereitschaft stoßen.

4) Es steht nicht zu befürchten, daß eine relevante Anzahl von Unternehmen die Annahme der Gutscheine verweigern werden. Schließlich müssen die Verweigerer gegebenenfalls damit rechnen, daß sonst immer ein Mitbewerber das Geschäft macht, der seinen Umsatz dann steigert, während der eigene dagegen stagniert oder gar zurückgeht. – Daß so gut wie alle Unternehmer so etwas wie ein Kartell von Verweigern bilden, ist abwegig zu denken. Was brächte ihnen das ? Das Geschäft aller würde auf dem Stand von zuvor verharren und 10 Millionen Kaufkraft blieben ungenutzt zurück. – Es wurde im Rahmen der Propagierung dieser Aktion eine Umfrage unter den Unternehmen des Landkreises gemacht: „Unter welchen Bedingungen würden Sie „Bruck-Taler“ in Zahlung nehmen ?“ Die vernünftige Antwort aller lautete: „Unter der Bedingung, daß ich sie wieder los werde“. Danach war klar, daß alle die Gutscheine – wenn auch im Einzellfall nicht in unbegrenztem Ausmaß – akzeptieren werden.

5) Wie läuft das Szenario ab ? Wahrscheinlich so: Kunde X kauft beim Metzger – gegen jedenfalls teilweise – Gutscheine Weißwürstl. Der Metzger entsprechend seine Semmeln beim Bäcker. Der Bäcker sein Frühschoppenbier nach dem gleichen Verfahren beim Wirt. Der wiederum bezahlt eine Renovierung seiner Gaststube beim Maler – teilweise ? – mit Gutscheinen – oder er renoviert mangels Euro überhaupt nicht. Der Maler läßt seinen Lieferwagen in der Werkstatt gegen das „Zweitgeld“ – also genannt „Gutschein von Bürgern für Bürger des Landkreises Fürstenfeldbruck“ – inspizieren. Die Werkstatt stellt eine Stundenputzfrau neu ein gegen – teilweise ? – Gutscheine oder gewährt bereits angestellten Mitarbeitern eine Gehaltserhöhung – in Gutscheinen. Die Putzfrau oder der Automechaniker lassen ihr TV-Gerät reparieren und bezahlen mit den inzwischen beliebten „kleinen Zettelchen“. Der TV-Spezialist kauft gegen Zahlung mit diesen Zettelchen seine Semmeln beim Bäcker, seine Weißwürstl beim Metzger oder sein Schoko-Eis im Eiskaffee – alle in dem sie die „Bruck-Taler“ hergeben, die wir nicht „Bruck-Taler“ nennen.

6) Niemand läuft ein Risiko. Allenfalls wenn er Unsummen der Gutscheine ansammeln würde und diese Unsummen – beschränkt auf den Landkreis Fürstenfeldbruck – nicht loswerden kann, weil – um auf den Bäcker zurückzukommen – ein Bäcker im Landkreis keinen Backofen kaufen kann sondern nur außerhalb und gegen Euro. Extrem ängstliche Zeitgenossen könnten ja vielleicht nur immer bis zu Gutscheine im Wert von 100 Euro hereinnehmen; dann verlören sie selbst dann nichts, wenn irgendwann einmal die Welt unterginge und dann zwangsläufig auch der Gutschein-Kreislauf zusammenbrechen würde. Die 100 Gutscheine, die sie dann nicht mehr gegen Waren in Zahlung geben könnten, hätte man ja zu Anfang immerhin nicht gekauft sondern geschenkt bekommen.

7) Die Buchführung und die Steuerabrechnung der Unternehmer kann nach Ausgabe der Gutscheine immerzu problemlos über Euro lauten. Der Gutschein ist für den einnehmenden Unternehmer immer so zu sehen wie bare Euros. Jeder Unternehmer könnte ja den Gutschein vorher selbst ausgegeben haben, weil ihm vielleicht Euro-Wechselgeld gefehlt hat. Dann nimmt er jetzt bei Entgegennahme der Gutscheine seine vorher hergeliehenen Euro ein. Bucht und umsatzversteuert entsprechend.

IV.
Nachdem der Fürstenfeldbrucker Landrat schließlich vorgerechnet hatte, daß Gutscheine im Gegenwert von insgesamt 100 Euro pro Kopf bei 100.000 Einwohnern insgesamt 10 Millionen Euro ausmachen und ein Mehr von 10 Millionen Zahlungseinheiten bei einer Umlauffrequenz von rund 50 pro Jahr einen jährlichen Kaufkraftzuwachs von bis zu 500 Millionen – für den Raum Landkreis Fürstenfeldbruck – bedeuten; und nachdem er dargelegt hatte, daß ein Mehr von 500 Millionen Zahlungseinheiten insgesamt jedem Landkreis-Fürstenfeldbrucker Unternehmer – setzen wir deren Anzahl einmal mit rund 1000 an – im Jahr und Durchschnitt um rund 0,5 Millionen Euro höhere Kasseneinnahmen verschaffen können – sehen wir einmal davon ab, daß ein kleiner Teil der Gutscheinzahler einen kleinen Teil der bei ihnen jetzt zu erübrigenden Euro außerhalb des Landkreises ausgibt, also einige Euro aus dem Landkreis abfließen dürften, beschlossen die Mitglieder der Bürgerinitiative schließlich einstimmig es mit dem Gutschein zu versuchen. Schaden könnte es keinesfalls. –
Und so nahm am 1. Dezember 2011 das „Wunder von Fürstenfeldbruck“ seinen Lauf.

Nachbemerkung:
Der Fürstenfeldbrucker Kreisrat, von dem die Idee des „Bruck-Talers“ ausging, hatte selbstverständlich nicht ins Blaue hinein geträumt. Er wußte vielmehr von vornherein, daß sein Plan schon früher öfter und mit Erfolg ausprobiert worden war. Unter schlechteren Erfolgsbedingungen, als sie in Fürstenfeldbruck vorlagen, und damals noch durch Kinderkrankheiten gehandicapt.

Und gewiß dachte unser Kreisrat keinesfalls daran, später solle einmal jeder deutsche Landkreis dem Fürstenfeldbrucker Beispiel folgen. Das Beispiel Fürstenfeldbruck möge aber zeigen, hoffte er, daß das Florieren einer Volkswirtschaft von einer ausreichend großen umlaufenden Geldmenge abhängig ist. Vielleicht könnten die Politik und die Zentrale Notenbank ja einmal erkennen, wie notwendig es ist, die Gesamtgeldmenge in unserem deutschen beziehungsweise Euro-europäischen Währungsgebiet ganz wesentlich zu erhöhen.

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