Frohe Ostern wünscht der Rheingolder Udo Pollmer

Der Ernährungsexperte Udo Pollmer hat sich eine neue, gerade von den Medien hochgejubelte Ernährungsstudie einmal genauer angeschaut und wünscht uns nun ein üppiges Osterfest:

Nun sollen fünf Mal Obst und Gemüse pro Tag nicht mehr genügen, um das Leben zu verlängern, mindestens sieben Portionen sollten es schon sein, so eine britische Studie. Lebensmittelchemiker Udo Pollmer über den Wert der Forschungsarbeit und Aggressionen durch Kalorienzählen.

Früher nannte man eine Falschmeldung eine Ente. Das ist ungerecht. Das leckere Federvieh kann rein gar nichts dafür, wenn Journalisten misten, im Gegenteil. Eine typische Zeitungsente ist heute daran erkennbar, dass sie dem Grünzeug das Wort redet. Wie wär‘s mit „Mediengurke“? Motto: Dahinter steckt bekanntlich immer ein Salatkopf. Denn kein ernsthafter Mensch wird glauben, dass mindestens sieben Portionen Zucchini oder Brokkoli am Tag die Sterblichkeit um aberwitzige 42 Prozent senken. Das aber behauptet eine britische Studie und mit ihr viele deutsche Medien.

Die Autorinnen haben nicht gemessen, sondern gewürfelt

Im Abstract der Studie ist von gut 65.000 Studienteilnehmern die Rede, in Tabelle zwei sind es plötzlich knapp 84.900 und eine Tabelle weiter bereits über 85.300. Oder: Von Tabelle eins zu Tabelle zwei tauchen wie Kai aus der Kiste zusätzlich 12.000 Nichtraucher auf. Die Autorinnen haben nicht gemessen, sondern gewürfelt. Nur so haben sie es hingekriegt, dass nach ihren eigenen „Berechnungen“ mindestens sieben Mal Kopfsalat am Tag erforderlich ist, um Gevatter Tod die Rote Karte zu zeigen. Denn mit jedem Schüsselchen grünen Salat sinkt angeblich die Sterblichkeit jeweils um satte 13 Prozent. Dafür sei Tiefkühlgemüse saugefährlich. Mit jeder Portion TK-Gemüse steigt das Risiko zu sterben, um 17 Prozent.

Da fragt man sich schon: Warum geraten Deutschlands Gesundheitsexperten angesichts dieses groben Unfugs so aus dem Häuschen? Diese Sorte Statistiken durchschaut jeder, der unfallfrei bis 100 zählen kann. Aber wenn das Ergebnis auf jenen Haufen passt, auf den auch der Teufel seine Notdurft verrichtet, dann juchzen die Lifestyle-Redaktionen und singen im Studio Hosianna, wenn es den Experten durch nimmermüde Forschung wiedermal gelungen sein soll, mit ihrem Röntgenblick durch den Datenschleier die geheimen Botschaften einer gesunden Ernährung zu erschnüffeln.

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Udo Pollmer – Photo von Oliver Tjaden

Hunger – ein oft übersehener Zustand?

Bevor noch jemand auf die Idee verfällt, bei den kommenden Feierlichkeiten statt der Ostereier das grüne Ostergras zu verspeisen, weil ballaststoffreiche Holzwolle eine Vitaminbombe sei, hier eine etwas solidere Studie. Laut einer dpa-Meldung zu dieser Veröffentlichung kann nämlich Hunger „in Paarbeziehungen Aggressionen hervorrufen“. Im Rahmen des Forschungsprojekts wurden gut 100 Ehepaare gebeten, durch Nadelstiche in eine Voodoo-Puppe ihren Aggressionen über ihren Partner freien Lauf zu lassen, ohne dass dieser davon etwas mitbekam. Zugleich wurde der Blutzuckerspiegel bestimmt. Eindeutiges Ergebnis: Je niedriger der Blutzucker, desto aggressiver die Attacken. Daraus folgern die Forscher, niedrige Blutzuckerspiegel führten zu Ehestreit und gar „häuslicher Gewalt“.

Dass niedriger Blutzucker, sprich Hunger, Mensch und Tier erst unruhig und dann unausstehlich macht, ist nichts Neues. Ein normaler Mensch würde dann raten, iss halt was, wenn Dich Dein Magen anknurrt. Nicht so die Medien: Das Problem sei, so lese ich, dass es sich bei Hunger um einen „oft übersehenen Zustand“ handelt. Wer merkt schon, ob er Hunger hat oder ob es ihn eher zur Toilette drängt? Falls doch, dann gibt‘s einen weiteren „einfachen“ Tipp von den Redaktionen: „Sorgen Sie dafür, dass sie nicht hungrig sind, bevor sie eine schwierige Unterhaltung mit ihrem Ehepartner beginnen.“ Aha, falls ich mich zanken möchte, dann esse ich vorher noch schnell ein Knäcke mit Magerquark.

Hunger – ein oft übersehener Zustand? Ja, aber nur für den, der die Ernährungspropaganda verinnerlicht hat. Denn im täglichen Leben führt Hunger nicht zum Streit, sondern zum Kühlschrank. Das Problem, um das es hier geht, wird ganz bewusst ausgeblendet: Es ist der dauerhafte Hunger als unausweichliche Folge von Diäten und Kalorienzählen. Das zerrüttet Familien, untergräbt die Freude an der Arbeit – oftmals einer ganzen Abteilung – und zerstört Freundschaften. Kalorienbewusste Ernährung macht aggressiv und asozial – das ist die eigentliche Botschaft der Studie.

Deshalb ausnahmsweise ein österlicher Verbrauchertipp: Nutzen Sie die Feiertage als Chance in ein friedvolles und glückliches Wochenende – und lassen Sie sich’s schmecken. Mahlzeit! Der ganze Text mit Quellenangaben hier bitte hier klicken
(mit freundlicher Genehmigung durch den Autor)

Und hier ist der Udo-Pollmer-Rheingold-Schein zu sehen:

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Eine Antwort zu Frohe Ostern wünscht der Rheingolder Udo Pollmer

  1. Jörg Starkmuth schreibt:

    Also, ich habe keine Ernährungspropaganda verinnerlicht, übersehe meinen Hunger aber trotzdem ziemlich oft. Ebenso mein ältester Sohn. Das hat nichts mit Medien-Indoktrination zu tun, sondern ist ein psychologisches Problem und als solches ebenso real wie das noch viel häufigere Übersehen von Durst, das vor allem bei Senioren bis hin zu Exsikkose führen kann (fragen Sie mal Mitarbeiter von Pflegediensten).

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