Wirtschaftswoche berichtet über das Rheingold

Wirtschaftswoche in der jetzt noch aktuellen Ausgabe unter der Rubrik:
Geld & Börse – Privatgeld

Geld zum Selberdrucken
Wer mit den Währungen der Notenbanken unzufrieden ist, schafft sich Alternativen. Eigenes Geld drucken – ein weltweites Phänomen.

wirtschaftswoche-ausschnitt

Jost Reinert liebt die Freiheit, die ihm Bargeld bietet. Weil er mit der Währungspolitik in Europa aber nicht einverstanden ist, hat er sich kurzum seine eigene Währung geschaffen: Rheingold.
Damit zahlt der Düsseldorfer bei etwa 1000 Stellen in Deutschland, die seine Scheine akzeptieren – Theater, Restaurants, Buchläden.

Solche Ersatzwährungen sind meist regional begrenzte Gutscheinsysteme. Sie sollen die offizielle Währung ablösen; meist, wenn Bürger meinen, daß das Geld ihrer Zentralbanken seine Funktion als solides Tauschmittel nicht mehr erfüllt.

Prominentestes Beispiel ist der Crédito, eine Parallelwährung, die in den 90er Jahren in Argentinien entstand. Nach der Tequila-Krise 1995 in Mexiko werteten sowohl die Mexikaner als auch die Brasilianer ihre heimischen Währungen ab, deren Waren wurden auf dem Weltmarkt billiger. Wegen der festen Bindung des argentinischen Peso an den US-Dollar waren Produkte aus Argentinien nicht mehr wettbewerbsfähig.
So wurden fast 19 Prozent der Argentinier arbeitslos, notgedrungen boten sie handgefertigte Waren in Tauschclubs an oder auch Dienstleistungen wie einen Haarschnitt. Während der argentinischen Wirtschaftskrise von 1998-2002 wurden die Tauschclubs zum Massenphänomen mit bis zu einer halben Millionen Mitglieder. Nach dem argentinischen Staatsbankrott Ende 2001 sank aber die Bedeutung des Crédito, denn den Waren, die es für die neue Währung zu kaufen gab, mangelte es zunehmend an Qualität. 2002 verschwanden die Tauschclubs fast völlig.

Eigenhändig gedrucktes Geld wird auch für politische Zwecke genutzt: Brasilianer verteilen in Rio de Janeiro gerade Surreal, eine Anspielung auf ihre offizielle Währung, den Real. Mit dem Surreal wollen sie gegen Preiserhöhungen vor der Fußball Weltmeisterschaft im Sommer protestieren.
Eigene Scheine gibt es zum Selbstausdrucken im Internet. Händler, die überteuerte Waren anbieten, bekommen die Surreal-Scheine von den Mitgliedern der Bewegung überreicht – als Zeichen der Geringschätzunhg für ihre überzogenen Preise.

Regionalwährungen sind ein globales Phänomen. Auch in Deutschland gibt es unzählige Gutscheinsysteme, die meist den Handel vor Ort ankurbeln sollen.

So wie das Rheingold von Jost Reinert. Es ist eine Währung und ein Kunstprojekt. Denn die Rückseiten der Scheine lassen sich individuell gestalten. Bei einem Treffen in Düsseldorf breitet der 53-Jährige gleich einen ganzen Batzen seiner Scheine auf dem Tisch aus, mehrere Hundert Euro Gegenwert dürften das sein.
Jeder Schein in diesem bunten Haufen hat ein anderes Design. Auf den Vorderseiten jedes Scheins steht dessen Wert – zwischen 1 und 50 Rheingold, im Hintergrund sind berühmte Düsseldorfer, beispielsweise Heinrich Heine oder Gustaf Gründgens zu sehen. Die Farben erinnern an alte DM-Noten: Lila, Braun, Gelb und Grün. Noch bunter sind die Rückseiten, die Rheingold-Emittenten nach eigenem Gusto gestalten können. Mancher macht plump Werbung für das eigene Geschäft, andere nutzen die Fläche als Plattform für ihre Kunstwerke.

Die Rheingold-Scheine fühlen sich fast an wie echtes Geld. Denn dank speziellem Tyvek-Papier auf Kunststoffbasis sind sie ähnlich griffig wie die neuen Euro-Scheine aus Baumwollfasern. Nur nicht so haltbar.

2007, als die ersten dunklen Wolken der Finanzkrise aufkamen, schaffte sich Reinert mit gleichgesinnten Künstlern, Volkswirten und Steuerrechtlern einen Rettungsanker, wie er heute sagt.

Eigenes Geld, ein Gegenmodell zum Geldsystem von EZB und Banken, deren zügellose Geldschöpfung die allgemeine Verschuldung erst ermöglicht.

Allerdings läßt sich auch Rheingold nicht ohne kurzfristige Verschuldung schöpfen. Denn wer sich als Unternehmer entscheidet, mit Rheingold bezahlt zu werden und selbst damit zu zahlen, muß einen Druckauftrag geben. Eine Druckerei fertigt dann die neuen Scheine an. Der Druckvorgang läßt sich aber nur mit Rheingold-Scheinen begleichen. Kurzfristig verschuldet sich also jeder, der später eigene Scheine ausgeben will, bei der Druckerei.

Sich solche Rheingold-Scheine zu drucken, kostet 20 Prozent des bestellten Geldwertes. Layout, Druck und die Verwaltung der neuen Rheingold-Scheine brauchen Zeit – und diese ist eben bare Rheingold wert. Sind die Geldscheine einmal gedruckt und ausgeliefert, können sie bei anderen Rheingoldern gegen Waren eingetauscht werden; Bücher, Theatertickets oder ein Abendessen. Der Referenzkurs für dieses Gutscheinsystem: 1 Rheingold = 50 eurocent. Viel wichtiger aber als der Referenzkurs ist Vertrauen, da keine Zentralbank für den Wert des selbstgeschöpften Geldes garantiert: Jeder Zahlvorgang ist ein personalisiertes Versprechen einer Gegenleistung. Wer seine Waren gegen Rheingold abgibt, muß darauf hoffen, daß auch der Rest der Gemeinschaft künftig weiterhin diese Währung akzeptiert.
Sebastian Kirsch – Wirtschaftswoche

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