Fünf Rheingolder zum Grass Gedicht

Die Financial Times schreibt:
„Der Publizist (und Rheingolder) Ralph Giordano verurteilte Grass ebenfalls. Er verurteilte das Gedicht als „Anschlag auf Israels Existenz“. „Selten hat mich etwas so erschüttert“, schrieb Giordano am Mittwoch der Nachrichtenagentur dpa.“ Ganzer Artikel bitte hier klicken

Ein anderer Rheingolder (zeitgeist-online) hingegen dankt Günter Grass

Zitat:
„Zu der debilen und gewissenlosen Kriegspropaganda (gegen den Iran) haben in Deutschland relevante Persönlichkeiten mit einem gewissen öffentlichen Radius schon viel zu lange geschwiegen. Das diesbezügliche Versagen der Eliten in Deutschland und ihre Feigheit ist ein Thema für sich. Dass Grass dieses Schweigen endlich brach, den Anfang machte und seinen Bekanntheitsgrad in den Ring warf, dafür gebührt ihm Dank.“ Ganzer Artikel bitte hier klicken

Nun hat sich ein weiterer Rheingolder zum Thema gemeldet. Der  Blog krisenfrei.de meint:

„Günter Grass hatte den Mut, das Offensichtliche auszusprechen: dass Israel den Weltfrieden bedroht, dass es den Angriff auf Iran mit deutschen U-Booten durchführen könnte – und dass hierzu in Deutschland geschwiegen wird.“ Ganzer Artikel bitte hier klicken

Nun, vielleicht bereichern ja noch weitere Rheingolder die Diskussion um das Gedicht von Günter Grass.

Und siehe da:

Die NZZ meldet:
GRASS ERHÄLT RÜCKENDECKUNG AUS DER KULTURSZENE :: AD HOC NEWS

Berlin (dapd). In der Debatte um das Israel-kritische Gedicht von Günter Grass stärkt ein prominenter Kulturmanager dem Schriftsteller den Rücken. Klaus Staeck, (Rheingolder und) der Präsident der Akademie der Künste in Berlin: «Man muss ein klares Wort sagen dürfen, ohne als Israel-Feind denunziert zu werden», wird er zitiert. Die reflexhaften Verurteilungen Grass‘ als Antisemit seien nicht angemessen…“ gefunden bei scusi bitte hier klicken

So, jetzt müssen aber wieder ein paar Zionisten und Kriegsbefürworter ran, sonst wird das hier unausgewogen.

Um die Ausgewogenheit wieder herzustellen, hier hat Der Spiegel eine Idee:
Zitat: „Günter Grass wird im Oktober 85 Jahre alt. Womöglich wäre es besser, jemand würde ihm sanft den Griffel entwenden.“ Sterbehilfe für Grass

Jubel: Mit dem Statement des Rheingolders Bazon Brock haben wir nun pari unter pro und contra hergestellt. Bazon Brock, der diesen schönen Schein beigesteuert hat und die Denkerei in Berlin führt, hat sich folgendes ausgedacht:

„Das Kernstück (der Botschaft) hätte sein müssen: Warum schenkt Israels Ministerpräsident Netanjahu US-Präsident Obama bei dessen letztem Besuch eine Festrolle mit dem Buch „Esther“, das die Diaspora der Juden am persischen Hof schildert? Grass hätte schreiben können, was es bedeutet, wenn sich ein Volk auf Literatur berufen muss, wie etwa die Deutschen auf das Nibelungen-Lied, um Nibelungen-Treue zu beschwören. Das wäre eines Literaten würdig gewesen.“ Quelle: bitte hier klicken (Dank an den Rheingolder Dr. Raimund Stecker für den Hinweis)

Nun wäre es vielleicht interessant zu wissen, was Grass da so geschrieben hat. Hier das Gedicht in voller Länge. So kann sich jeder selber ein Urteil bilden und, wenn er mag, bei diesen dialektischen Scheingefechten mitspielen.

Warum schweige ich, verschweige zu lange,
was offensichtlich ist und in Planspielen
geübt wurde, an deren Ende als Überlebende
wir allenfalls Fußnoten sind.

Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag,
der das von einem Maulhelden unterjochte
und zum organisierten Jubel gelenkte
iranische Volk auslöschen könnte,
weil in dessen Machtbereich der Bau
einer Atombombe vermutet wird.

Doch warum untersage ich mir,
jenes andere Land beim Namen zu nennen,
in dem seit Jahren – wenn auch geheimgehalten –
ein wachsend nukleares Potential verfügbar
aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung
zugänglich ist?

Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes,
dem sich mein Schweigen untergeordnet hat,
empfinde ich als belastende Lüge
und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt,
sobald er missachtet wird;
das Verdikt ‚Antisemitismus‘ ist geläufig.

Jetzt aber, weil aus meinem Land,
das von ureigenen Verbrechen,
die ohne Vergleich sind,
Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird,
wiederum und rein geschäftsmäßig, wenn auch
mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert,
ein weiteres U-Boot nach Israel
geliefert werden soll, dessen Spezialität
darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe
dorthin lenken zu können, wo die Existenz
einer einzigen Atombombe unbewiesen ist,
doch als Befürchtung von Beweiskraft sein will,
sage ich, was gesagt werden muss.

Warum aber schwieg ich bislang?
Weil ich meinte, meine Herkunft,
die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist,
verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit
dem Land Israel, dem ich verbunden bin
und bleiben will, zuzumuten.

Warum sage ich jetzt erst,
gealtert und mit letzter Tinte:
Die Atommacht Israel gefährdet
den ohnehin brüchigen Weltfrieden?
Weil gesagt werden muss,
was schon morgen zu spät sein könnte;
auch weil wir – als Deutsche belastet genug –
Zulieferer eines Verbrechens werden könnten,
das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld
durch keine der üblichen Ausreden
zu tilgen wäre.

Und zugegeben: ich schweige nicht mehr,
weil ich der Heuchelei des Westens
überdrüssig bin; zudem ist zu hoffen,
es mögen sich viele vom Schweigen befreien,
den Verursacher der erkennbaren Gefahr
zum Verzicht auf Gewalt auffordern und
gleichfalls darauf bestehen,
dass eine unbehinderte und permanente Kontrolle
des israelischen atomaren Potentials
und der iranischen Atomanlagen
durch eine internationale Instanz
von den Regierungen beider Länder zugelassen wird.

Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern,
mehr noch, allen Menschen, die in dieser
vom Wahn okkupierten Region
dicht bei dicht verfeindet leben
und letztlich auch uns zu helfen.

Die Tagesschau meldet: Israel verhängt gegenüber Grass ein Einreiseverbot.
Gefunden auf dem Schweizer Blog silberguru.ch. Wegen eines Gedichts. Das ist doch mal eine entspannte Reaktion eines souveränen Staates.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Autoren, Österreich, Bildung & Wissenschaft, Blogger, Deutschland, Foren & Blogs, Prominenz, Rheingold, Schweiz veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

12 Antworten zu Fünf Rheingolder zum Grass Gedicht

  1. Rolf schreibt:

    Gedicht hin , Gedicht her, von mir aus hätte er auch gleich Klartext reden können.

  2. Kurator schreibt:

    Als Kurator des Rheingold-Projekts enthalte ich mich der Stimme zu politischen Themen. Festzustellen ist aber jenseits aller dialektischen Freund-Feind Schemata, daß Kriege seit jeher genutzt werden, um das alte Geldsystem wieder neu aufzusetzen.
    Kriege schaffen Vollbeschäftigung in Rüstungsbetrieben und auf den Schlachtfeldern und haben den geldsystemischen Vorteil, Sachwerte zu zerstören, um Mangel in jeder Hinsicht herzustellen. Der anschließende Wiederaufbau der Überlebenden wird dann üblicherweise als Wirtschaftswunder gefeiert, weil dann das alte Geld wieder Kapitalrendite tragen kann. Verwenden wir also weiter das alte Geld, wird uns die tradierte Lösung nicht erspart bleiben. Nach einer aktuellen Studie des Pentagons seien allerdings die „konjunkturellen Impulse“ bei einem Überfall auf den Iran zu gering, um die Finanzwirtschaft nachhaltig erholen zu lassen. Wir müssen also aus geldsystemischen Gründen mit einer Erweiterung des geplanten Kriegsgeschehen über den Iran hinaus rechnen.

  3. Uli G schreibt:

    Ausser berechtigter Kritik an der Regierung des Staates Israel und der „westlichen“ Regierungen finde ich nichts an diesem Gedicht (an dessen literarischem Wert man zweifeln darf) verwerwerflich. Es ist kein Antisemitismus zu sehen. Der Zentralrat der Juden möge sich zurückhalten. Ist es nicht so, dass gar zu schnell Kritik an Israel mit Antisemitismus verwechselt wird? – Man ist als Israelkritiker sofort Antisemit – so kann man die Kritiker schnell mundtod machen. Ich bin diese Verlgenheit leid und bin es auch leid, mir diese Israelische (nicht jüdische!) Totschlagargumentation gefallen zu lassen. Weiter so Herr Grass! Es ist notwendig, dass diese Diskussion passiert!

    Uli

  4. Pit (H.-Peter Peschke) schreibt:

    Was wagt sich Grass eigentlich, für Frieden einzutreten und somit die Geldschwemme in die Kassen der Herrenmenschen zu schmälern?

  5. Andrea Amerland schreibt:

    Vielen Dank für diese Presseschau in Kombination mit dem vollständigen Grass-Gedicht. Ich schließe mich Uli G an, der hier schreibt, dass die literarische Qualität bezweifelt werden kann, die Welle der Empörung aber nicht richtig nachvollziehbar ist. Die Redaktionen haben sich – wieder einmal – einen Kulturskandal inszeniert im Kampf um Auflage, Quote, Visits und Pageimpressions. Dass Grass in diesem Zusammenhang von einer ‚Gleichschaltung‘ der Medien spricht, ist nachvollziehbar. Jeder schreibt beim anderen ab – wenn sich Mediun X empört, muss sich Medium Y ebenfalls aufregen – ein Schneeballeffekt.

  6. BILD
    Zum letzten Gebet vor dem Angriff – Netanjahu heimlich am Grab von Hitlers Eltern

  7. Pingback: Transatlantikblog

    • Uli G schreibt:

      Nun darf er also nicht mehr nach Israel einreisen, weil er vor über 60 Jahren zur Waffen-SS eingezogen wurde…..Ich bin diese Verlogenheit wirklich leid. Nach dem 20.Juli 1944 wurden alle jungen Männer zur WaffenSS eingezogen, weil Hitler der Wehrmacht nicht mehr vertraut hat. Es wäre scho sehr gut, wenn die öffentlich-rechtlich Berichterstattung endlich einmal umfassend informieren würde. Herr Grass konnte nichts für seine Einberufung.
      Verlogen ist eher Herr Graumann, der sich einer inhaltlichen Auseinandersetzung einfach nicht stellt.

  8. Rolf schreibt:

    ich bin gegen Erstschläge. Ich möchte auch ein Einreiseverbot nach Israel haben.

  9. Uli G schreibt:

    Schreib ein Gedicht und du kriegst eins!

  10. Jörg Starkmuth schreibt:

    Ich hatte mir bisher nicht die Zeit genommen, das vieldiskutierte „Gedicht“ (eigentlich mehr ein Artikel – hatte Herr Grass Angst, dass ein solcher zu wenig künsterlische Freiheit genießen würde?) zu lesen. Jetzt habe ich es getan – und frage mich, wie jemand auch nur im Entferntesten darin Antisemitismus oder auch nur Israelfeindlichkeit erkennen und eine derartige Debatte überhaupt lostreten kann. Bin ich frauenfeindlich, wenn ich meine Nachbarin dafür kritisiere, dass sie ihr Kind schlägt? Und habe ich kein Recht dazu, weil mein Großvater vielleicht ein schlimmer Kinderschänder war? Hoffen wir, dass die Debatte vielleicht ein Gutes hat – nämlich dass ob deren Absurdität endlich mehr von uns das moralverordnete Schweigen brechen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s